Blind ein Diktat schreiben und das vor laufender Kamera

Neugierige Blicke von aufgeregten SchülerInnen. Ein Kameramann, ein Tontechniker und ein Moderator wühlen durch den Raum, suchen nach der besten Einstellung, dem perfekten Licht. Eine ungewohnt stille Klasse wartet gespannt auf den Drehstart, den Beginn des Seminars.
Und Action!
Die Bildungsfachkräfte vom Institut für Inklusive Bildung sind zu Besuch am RBZ am Königsweg und wollen mit den SchülerInnen über das Thema Lernbehinderungen sprechen. Mit dabei, der Bayrische Rundfunk, der über das Institut für Inklusive Bildung berichten möchte.
“Miteinander statt Übereinander“ ist das große Motto, dass die Mitarbeiter des Instituts, die selbst von einer Behinderung betroffen sind, etablieren wollen. Deshalb sind sie nun in einer Klasse für angehende ErzieherInnen. Für dieses Seminar haben sich die Bildungsfachkräfte eine besondere Methode überlegt. Denn um eine fachliche Auseinandersetzung mit Zahlen, Fakten und Fachbegriffen geht es diesmal nicht. Im Gegenteil. Gefühle sind das große Stichwort der Veranstaltung. Wie fühlt es sich an, die schulischen Aufgaben nicht bewältigen zu können? Auf welche Schwierigkeiten stoße ich im Schulalltag?  Und auf wen bin ich eigentlich wütend, wenn mir etwas nicht gelingt? Genau mit diesen Fragen sehen sich die SchülerInnen der Oberstufenklasse konfrontiert.

Klappe die erste: Perspektivwechsel mal anders

Selbst aktiv werden und selbst erfahren sollen die TeilnehmerInnen. Deshalb wird eine Schulstunde nachgestellt. Ein Diktat schreiben und rechnen stehen auf der Liste. Kein Problem für die angehenden ErzieherInnen oder? Eigentlich nein, doch wenn die gewohnten Fähigkeiten fehlen wird selbst Einfaches sehr schwer. Kleine Handicaps sollen eine Lernbehinderung simulieren. Eine spannende Herausforderung, finden die 20 SchülerInnen. Die Augen verbinden oder doch lieber nichts hören? Lauter Austausch, wildes Überlegen der motivierten Klassenstufe. Zunächst noch euphorisch und motiviert verbinden sich die TeilnehmerInnen die Augen, schalten mit Hilfe von Schallschutzhörern ihren Hörsinn aus oder erschweren sich das Schreiben mit Winterhandschuhen. Die letzte Augenbinde ist angelegt, die Kopfhörer sitzen, es kann losgehen. Breites Grinsen verteilt sich im Raum. Ist doch mal eine interessante Herausforderung blind zu schreiben, oder? Doch spätestens nach Ende des Diktats macht sich bei allen vor allem eines breit: Frust. Mal abgesehen davon, dass einige das zu schreibende Diktat nicht hören konnten, wurde dies selbst für die Hörenden viel zu schnell vorgelesen. Kaum einer löst die Aufgabe zufriedenstellend. In Mathematik sieht es nicht besser aus. Ungelöste Rechnungen, verschmierte Zettel, entrüstete Schüler. Das hat sich die Klasse anders vorgestellt.

Klappe die zweite: Erkenntnisgewinn

„Hättet ihr ein bisschen langsamer gelesen, dann wäre ich mitgekommen“

„Ich hätte vielleicht einfach ein bisschen mehr Zeit für die Aufgaben gebraucht“

„Ein wenig Unterstützung wäre gut gewesen“, berichten die SchülerInnen im Erfahrungsaustausch.  Eine wichtige Erkenntnis stellt sich ein: Nicht die Aufgaben sind das Problem, sondern die Methode. Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten. Der eine sieht schlecht, hört dafür aber sehr gut. Ein anderer schreibt vielleicht nicht immer alles richtig, doch weiß er besonders viel. Die SchülerInnen des RBZ sind sich einig: Werden die Methoden an die Ressourcen der einzelnen Schüler angepasst, haben alle eine Chance auf Erfolg. Ein wichtiges Statement, das die Fachkräfte der Zukunft herausgearbeitet haben. Das findet auch der Bayrische Rundfunk und will von den SchülerInnen jetzt wissen: Ist das Bildungssystem denn gerecht?

Klappe die letzte: Die Frage nach Gerechtigkeit

Naja, finden die Anwesenden. Ein Weg zur Gerechtigkeit ist durch die geforderte Umsetzung von Inklusion zumindest geplant worden. Doch beim Bau dieses Weges läuft noch lange nicht alles glatt. Denn um jeden Menschen nach seinen individuellen Fähigkeiten zu fördern und Bildungsgleichheit zu schaffen, braucht es mehr als einen Plan. Vor allem qualifizierte Fachkräfte mit einer inklusiven, wertschätzenden Grundhaltung und offen gestaltete Lerneinrichtungen.  Das sehen die SchülerInnen aus ihren Praxiserfahrungen jedoch nur als teilweise erfüllt. Fehlt es den Einrichtungen nur zu häufig an nötigen Mitteln um das große Ziel umsetzen zu können. Doch die angehenden ErzieherInnen sehen den inklusiven Weg keinesfalls als unbezwingbar. Hochmotiviert und ausgerüstet mit vielfältigen Kompetenzen freuen sie sich den Ausbau einer inklusiven Gesellschaft mitgestalten zu können. Der Weg ist doch das Ziel, sagten bereits viele kluge Köpfe. Und genau mit dieser Einstellung starten die ErzieherInnen schon bald ihre berufliche Laufbahn. In ihren Herzen stets die Hoffnung, dass die Welt Tag für Tag ein kleines bisschen gerechter wird.

Für alle Menschen.

Lisa Büttner (FS 16e)

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